Geschichte des Volksbühnen-Spiegels


1920-1933

Im Oktober 1920 wurde der Verband der deutschen Volksbühnen-Vereine gegründet. Zu seinen vielfältigen Aufgaben gehörte auch die Herausgabe des zunächst zweimonatlich, später vierteljährlich erschienenen Verbandsorgans „Die Volksbühne“, Zeitschrift für soziale Kunstpflege. Redakteur war bis 1925 Verbandsgeschäftsführer Dr. Siegfried Nestriepke. Um besser und schneller auf kulturpolitische Ereignisse reagieren zu können, veränderte man 1926 Aufmachung und Erscheinungsform: „Die Volksbühne“ erschien zweimal monatlich im Zeitungsformat, redigiert von Hans von Zwehl. 1928 kehrte man aus finanziellen Gründen zur alten Form der Hefte zurück. Redakteure waren Curt Baake, danach Dr. Siegfried Nestriepke, Albert Brodbeck.

Neben dem Verbandsorgan erschienen eine „Volks-bühnen-Korrespondenz“, die in unregelmäßigen Abständen Presse und Vereine mit Informationen versorgte, sowie die von Julius Bab redigierten „Dramaturgischen Blätter“, die den Vereinen einen Überblick über dramatische Neuproduktionen verschafften.

In der letzten Ausgabe der „Volksbühne“ schrieb der damalige Verbandsgeschäftsführer Max Brodbeck im Juni 1933: „Wir haben gearbeitet und unser Bestes gegeben, dreizehn Jahre lang… Das deutsche Theater wird immer wieder seine lebendigsten Kräfte aus den Quellen ableiten müssen, die von der deutschen Volksbühnen-Bewegung erschlossen worden sind. Insofern ist die deutsche Volksbühnenarbeit nicht tot.“

1945-1972

Sie erwuchs nach der erzwungenen Unterbrechung 1945 neu aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs. Der 1948 von Dr. Siegfried Nestriepke wiedergegründete Verband der deutschen Volksbühnen-Vereine war im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem bis 1933 staatliche Mittel zur Verfügung standen, nun finanziell auf Mitgliederbeiträge angewiesen. Jeder Verein führte einen an seiner Mitgliederzahl orientierten Beitrag an den Verband ab.2015_12_90_Jahre_Organ_der_Volksbühnenbewegung_opt

1945 war bereits die Herausgabe der „Dramaturgischen Blätter“ unter der Redaktion des Theaterwissenschaftlers Professor Dr. Hans Knudsen wiederaufgenommen worden. Sie mussten 1952 eingestellt werden, weil sich die Verleger auf das Urheberrechtsgesetz beriefen und noch nicht aufgeführte Werke nicht besprechen ließen.

Der Berliner Journalist und Kulturpolitiker Walther G. Oschilewski, seit 1919 mit der Volksbühnenbewegung eng verbunden, ab 1958 Vorstandsmitglied des Ve-bandes, gründete 1955 die Verbandszeitschrift neu und gab ihr den Titel „Volksbühnen-Spiegel“. In seinem Einleitungsartikel schrieb er unter dem Motto „Im Anfang war das Publikum“: „Das Theater ist nicht um seiner selbst willen da, nicht für den kleinen Kreis relativ Begüterter und auch nicht für das Konsistorium von Theaterleuten und Kritikern.“ Von den Mitgliedern und Mitarbeitern der Volksbühnenbewegung erwartete er geistige und organisatorische Elastizität, damit „das Theater nicht nur von Traditionen lebt, sondern auch neue zu schaffen vermag“. Walther G. Oschileswski hat 17 Jahre Herausragendes geleistet. Er kam aus der alten Volksbildungsbewegung und versuchte, eine bildungspolitische Bandbreite abzudecken: Kulturpolitik, Kulturereignisse im Theater und in der Bildenden Kunst, Literatur, natürlich auch Themen der Volksbühnenbewegung. Gleichzeitig übernahm der „Volksbühnen-Spiegel“ die Aufgaben der ehemaligen „Dramaturgischen Blätter“ in redaktioneller Mitarbeit von Dr. Marlene Gärtner.

Als Dr. Dieter Hadamczik 1971 aus dem Berliner Theater der Freien Volksbühne neu in das Amt einer der drei Geschäftsführer zum Verband wechselte, schloss Walther G. Oschilewski ihn gleich mit Beiträgen in die Redaktionsmitarbeit ein.

Es waren die Umbruchsjahre nach 1968. Die vom ehemaligen Geschäftsführer der Volksbühne Hannover gegründete und inzwischen marktführend gewordene Zeitschrift „Theater heute“ feierte die neuen Entwicklungen, vor allem die bei Kurt Hübner in Bremen. 1970 beschloss deshalb der Deutsche Bühnenverein, seine nach dem Krieg wiedergegründete Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“ aus einem internen Informations-dienst in eine neugestaltete Publikumszeitschrift umzuwandeln und baute dafür ein eigenes Redaktionsteam in Köln auf.

Es entstanden Diskussionen aus den Vereinen heraus, was man im „Volksbühnen-Spiegel“ für lesenswert hielt. Walther G. Oschilewski war beruflich 22 Jahre stellvertretender Chefredakteur und Kulturchef der Berliner Tageszeitung „Telegraf“, die in den Strudel der Veränderungen in Berlin geriet. Kurz vor ihrem Ende schied er 1969 aus. Er wollte sich im Alter mit dieser Stimmung und auch mit den Neuerungen, die überall anstanden, nicht mehr auseinandersetzen müssen.

Der 25. Volksbühnentag 1972 in Stuttgart entschied nach einjähriger Arbeit einer dafür eingesetzten Zeitschriftenkommission, der u. a. auch Henning Rischbieter angehörte und die keine Perspektive sah, den „Volksbühnen-Spiegel“ damaliger Form nicht weiterzuführen. Walther G. Oschilewski schied aus dem Verbandsvorstand und schrieb: „Die deutsche Volksbühnenbewegung als Integrationsfaktor innerhalb der pluralistischen Gesellschaft ist seit Jahren entscheidenden Wandlungen unterworfen. Sie muss sich ständig mit progressiven und konservativen Formen und Inhalten des heutigen Theaters auseinandersetzen, neue Akzente setzen und – zwischen den Fronten – ihr eigenes Selbstverständnis sichtbar machen. Wenn auch die alltägliche Volksbühnenarbeit auf die Grundlage, nämlich das »Theater für alle« zu schaffen, fixiert bleibt, so ergeben sich naturgemäß viele Fragen diesbezüglicher Aktivitäten, die im Hinblick auf ihre Effektivität beantwortet werden müssen.“

 

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Eine von Dr. Dieter Hadamczik vorgelegte „Null-Nummer“ mit neuem Aussehen und Konzept unter dem Titel „Bühne und Parkett“ sowie dem beibehaltenen Untertitel „Volksbühnen-Spiegel“ wurde einstimmig vom Volksbühnentag in Stuttgart angenommen. Unter Mitarbeit von Dr. Marlene Gärtner erschien die erste Ausgabe Ende 1972. Das dreiteilige Konzept: ein kulturpolitischer Teil, das von Dr. Gärtner betreute „Dramaturgische Kolloquium“ und der „Volksbühnen-Spiegel“ mit Berichten aus Verbands- und Vereinsarbeit. Für den kulturpolitischen Teil schrieb aus Freundschaft Walther Schmieding, Intendant der Berliner Filmfestspiele sowie Gründer und Moderator der ersten ZDF-Kultursendung „aspekte“, regelmäßig Beiträge.

Dr. Dieter Hadamczik wechselte 1973 beruflich in den Mykenae Verlag nach Darmstadt, einem Spezial-verlag für Theatergrogrammhefte und Theaterzeitschriften sowie für einen damals wesentlichen, fachbezogenen Theaternachrichtendienst, versehen mit einem umfangreich von Theatern genutzten Archiv. Er behielt die Redaktion von „Bühne und Parkett“ bis 1979 und übergab sie dann verantwortlich an Dr. Marlene Gärtner. Er blieb weiter ständiger Mitarbeiter mit den wesentlichen Beiträgen für den kulturpolitischen Teil.

„Bühne und Parkett“ wurde von etlichen Vereinen in größerer Stückzahl für Vorstände, bestimmte Mitgliederkreise und für die Öffentlichkeitsarbeit bezogen. Sie wurde zudem von 1975 bis 1980 Mitgliederzeitschrift der Freien Volksbühne Köln, für die mit einer regionalen Mitarbeiterin eine Lokaleinlage erstellt wurde. Von 1980 bis 1988 war „Bühne und Parkett“ Mitgliederzeitschrift der Freien Volksbühne Berlin, ergänzt durch die Beilage „Blätter der Freien Volksbühne Berlin“ mit allen notwendigen lokalen Informationen.

Mit der Ausgabe 6/1988 wurde „Bühne und Parkett“ vom Bundesverband der deutschen Volksbühnen-Vereine, wie er inzwischen hieß, der die Bundesausgabe nicht mehr finanzieren konnte, eingestellt. Beim Volksbühnentag 1988 in Bremen legte der damalige Geschäftsführer Dr. Jürgen Dieter Waidelich eine Musterausgabe eines vereinfachten Volksbühnen-Spiegels vor, der keine weiteren Ausgaben mehr folgten. Die begonnenen Auflösungserscheinungen führten 1989 zum Ende des Bundesverbandes.

 

2002-2015

Für einige Jahre bestandenen weiter Landesarbeitsgemeinschaften in Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein mit jährlichen gemeinsamen Treffen. Die Volksbühne Hanau setzte die seit 1971 von Dr. Dieter Hadamczik geleiteten „Hanauer Gespräche“ für Vereine in Orten ohne festes Theaterensemble fort. Der Landesverband Bremischer Volksbühnen veranstaltete jährlich ein Wochenend-Seminar, der Bund deutscher Volksbühnen, entstanden aus den Vereinen, die bis zu seiner Auslösung nicht aus dem Bundesverband ausgetreten waren, jährlich ein Wochen-Seminar.

Um allen Einzelaktionen wieder einen Rahmen zu verschaffen, entwickelte Dr. Dieter Hadamczik den Gedanken einer Arbeitsgemeinschaft aller Volksbühnen-Vereine, ohne festen Vorstand, ohne Beiträge, die unter anderem Grund für die Auflösung des Bundesverbandes waren, jedoch mit freiwilligen fachlichen Beratungen für spezielle Arbeitsbereiche aus den Vereinen heraus. Vorbereitet von Heinz Niedenthal, dem Vorsitzenden der Volksbühne Hanau und der Landesarbeitsgemeinschaft Hessen, sowie vom erfahrenen Berliner Volksbühnenpraktiker mit Verbandserfahrung Dr. Günter Schulz, vor allem getragen vom Vorstand der Freien Volksbühne Berlin, organisierte die FVB im Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft in der Blissestraße ein Treffen aller Vereine, die im Jahr 2000 zur 110-Jahresfeier nach Berlin gekommen waren. Hier wurde die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Volks-bühnen-Vereine beschlossen. Für ein Jahr galt die Geschäftsstelle der Freien Volksbühne Berlin als Koordinationsstelle, danach übernahm diese Aufgabe die der Hamburger Volksbühne.

Die ursprüngliche Idee eines Interauftritts wurde nicht umgesetzt. Dafür initiierte Dieter Hadamczik 2001 beim nächsten Treffen der Vereine aus Anlass eines Lübecker Jubiläums die Wiederbelebung eines „Volks-bühnen-Spiegels“. Mit Unterstützung der Berliner und Hamburger Vorstände wurde sie bis zum ersten Erscheinen 2002 fortentwickelt.

Die Landesarbeitsgemeinschaften, die Hanauer Gespräche und den Bremischen Landesverband gibt es nicht mehr. Geblieben sind das Seminar der Arbeitsgemeinschaft der Volksbühnen Bremen und Bremerhaven sowie die inzwischen eingeführten Volksbühnen-tage neuer Zählung des Bundes deutscher Volksbühnen.

Versuche, weitere Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft ins Leben zu rufen, kamen nicht zustande. Geblieben ist der von Dieter Hadamczik redigierte halbjährliche „Volksbühnen-Spiegel“. Die Sachausgaben werden durch freiwillige Beiträge der Vereine, die sich dazu berufen und in der Lage führen, dazu gehört auch der Bund, getragen. Die Hamburger Volksbühne hat als Garant vor allem die ersten Erscheinungsjahre abgesichert.

Es ist ein internes Organ für Vereinsvorstände und Geschäftsstellen und wird von wenigen Vereinen auch als Außenwerbung in Kommunen oder einer Landesregierung genutzt. Anfänglich noch mit kulturpolitischen Beiträgen ergänzt, gilt das Interesse der heutigen Nutzer dem Informationsaustausch der Vereine und der Berichterstattung von Tagungen und Seminaren.

 

Dr. Dieter Handamczik