Berlin: Kultur-Sommerfest der freien Volksbühne


Die Präsentation der Theater

Voriges Jahr feierte die Freie Volksbühne Berlin als älteste Theaterbesucherorganisation ihr 125-Jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass erweiterte sie damals ihr traditionelles Sommerfest, das stets in ihrem eigenen Dr. Siegfried Nestriepke-Haus und dem angrenzenden Garten gefeiert wurde, hinaus auf die Ruhrstraße.

Noch mehr Berliner Theater bauten dort ihre Stände auf. Ein großes Veranstaltungszelt mit vielen regengeschützten Stuhlreihen vor einer Bühne bot nun Platz für noch mehr 20-Minuten-Programmbeiträge der drei Berliner Opernhäuser, der wichtigsten Schauspielstätten in Berlin und Potsdam bis hin zu außergewöhnlichen Theater- und Konzertformen.

 

Der Erfolg war so groß, dass der Vorstand beschloss, am 25. Juni auch 2016 wieder ein so großes kulturelles Straßen-Sommerfest zu organisieren. Nicht einfach für das kleine Team der Geschäftsstelle um die Geschäftsführerin Alice Ströver herum. Da packten auch deren Familienangehörige wieder mit an. Ein Catering-Unternehmen sorgte für die Verpflegung der vielen Gäste mit Essen und Trinken.

Schlangen gab es am eigenen Stand der Freien Volksbühne, denn hier drehte sich auch in diesem Jahr wieder das Glücksrad. Viele Kultureinrichtungen hatten Freikarten gespendet, die man gewinnen konnte: Bei vielen deshalb ganz besonders beliebt, weil man auf diese Weis einmal in Theater und andere Institutionen kommt, zu denen man aus eigenem Antrieb bisher nicht gegangen ist. Preise zu gewinnen gab es auch bei einer Tombola, vom Berliner Schlüsselanhänger bis zu wertvollen Spenden von der Berliner Porzellanmanufaktur bis zu Bäder- und Wellnessangeboten.

 

Aus dem Veranstaltungszelt heraus übertrugen Lautsprecher die Auftritte der Bühnen. Da warb Don Giovanni, ließ die Lustige Witwe schmelzend ihre Lippen schweigen, schmetterte die Kleine Hexe ihre Drohungen, schwelgte das Streichertrio der Berliner Symphoniker, schmachtete Mimi, übertönten sich die Doppelfiguren aus “Felix Krull”, da triumphierte die Carmen, jubelte ein Tenor “Granada”, um nur einige der über 30 Beiträge beim Namen zu nennen, launig verbunden durch den Moderator Peter Claus – bis dann die Dunkelheit des trocken gebliebenen Sommerabends die Berlin City Stompers zum Vergnügen der Anwohner und immer noch ausharrenden Gäste mit Jazz und Blues das alles aus-“swingen” ließen.

Hätten die Wetterprognosen nicht Gewitter Prognostiziert, die dann aber in der Nähe vorbeizogen, wären vielleicht noch mehr Mitglieder und Neugierige gekommen.

 

Der Auftritt der Politiker

Richtig voll war es trotz über 30 Grad Hitze am Nachmittag, als der Regierende Bürgermeister Michael Müller seinen Auftritt hatte. Nachdem der sein neun Monaten neue Vorsitzende der Freien Volksbühne Berlin, Frank Bielka, das Sommerfest offiziell eröffnet hatte, kam er zu seinem Grußwort, lobte den verdienstvollen Einsatz nicht nur des Vorstands, sondern auch der stets mit neuen Ideen aufwartenden Geschäftsführerin Alice Ströver und bedankte sich bei dem in letzter Zeit wieder zahlreicher gewordenen Mitgliedern für das große Interesse an der Berliner Kulturszene. Er sprach davon ,wie wichtig die Aufbruchstimmung der Arbeiterbewegung vor 126 Jahren gewesen und wie wichtig die Kultur für die Stadt sei. Und wie gern er heute hier sei. Das nahm ihm das Publikum auch ab. Er kam schon im vergangenen Jahr, als er neu war im Amt als Nachfolger von Klaus Wowereit, den man hier übrigens nicht bei einem solchen Fest gesehen hatte. Und er würde gern wiederkommen im nächsten Jahr. Auch das nahm ihm die Menge mit viel Applaus ab und verstand, was er meinte, denn dazwischen liegen im September erst einmal die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus …

 

Moderator Peter Claus befragte den in Berlin auch für Kultur zuständigen Regierenden Bürgermeister sehr konkret nach zwei aktuellen Themen in der Stadt:

  1. Welche Folgen wird der Wechsel in der Leitung des Theaters Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit sich bringen? Die Ära Frank Castorf geht zu Ende, eine neue – ohne festes Ensemble – soll folgen. Dagegen gab es gerade in diesen Tagen einen Aufruf vieler Künstler und der Betroffenen im Hause. Michael Müller formulierte geschickt die Aufforderung zu Ruhe und Besonnenheit. ER wiederholte, was er schon im vergangenen Jahr sagte, dass nämlich dieses Haus die Tradition der Volksbühnenbewegung fortsetze und nun auch mit Neuem fortführen werde. Der Kenner weiß, das es mit der Namensgleichheit nicht getan ist. Mit ihr ist auch beim Publikum nicht immer leicht umzugehen. Letztlich weiß aber auch der Politiker, dass die Angebotsbreite und Aufgabenstellung der Besucherorganisation heute wesentlich breiter ausgerichtet ist.
  2. Welche Aussichten hat das Theater am Kurfürstendamm nach den bereits jahrelang ungelösten Fragen der Neubebauung dieses Gebäudekomplexes? Der Regierende Bürgermeister ist sich sicher, dass hier eine endgültige positive Lösung gefunden wird. Diese inhaltlich offene Antwort gab zwei Stunden später auf dieselbe Frage des Moderators der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann. Dass so viele Jahre dieses traditionsreiche, auf Max Reinhard zurückgehende Theater, nach 1945Heimstätteder freien Volksbühne, ehe das Theater an der Schaperstraße gebaut wurde, in seiner Existenz im Unklaren gelassen wird, belastet Direktor Martin Woelffer, der in einem persönlichen abendlichen Gespräch die Politik nicht frei spricht von ihrer Verantwortung.

Es ist bemerkenswert, wie auf einem Sommerfest einer Theaterbesucherorganisation neben aller Fröhlichkeit auch der Ernst der Kulturpolitik angesprochen wird. Für Reinhard Naumann muss unbedingt auch noch eine Lanze gebrochen werden: Wie er sich als Mitmoderator bei der Ehrung der Mitglieder, die dem Verein 60 und 65Jahre angehören, einbrachte, eroberte die Herzen der dicht an dicht sitzenden ebenfalls treuen Vereinsfreunde. Er ist ein steter Begleiter der Volksbühnenfeste in “seinem” Bezirk. Und auch er möchte gern im nächsten Jahr wiederkommen …

 

Ehrung von Professor Dr. Dietger Pforte

 

Bezirksbürgermeister Naumann war dann auch eingebunden in einen Programmpunkt, der für ein solches Fest einzigartig war: Professor Dr. Dietger Pforte,von 1997 bis 2015 18 Jahre lang vorsitzender des Vereins Freie Volksbühne,. wurde auf einstimmigen Beschluss des seit Oktober tätigen neuen Vorstands zum Ehrenmitglied ernannt.

 

Dietger Pfortes Nachfolger Frank Bielka verwies in kurzer Zusammenfassung noch einmal auf die bei dessen Wahl 1997 anstehenden Probleme, die der in Prag geborene Leiter des Literaturreferats in der Kulturverwaltung des Berliner Senats für den Volksbühnenverein zu lösen hatte: Der Senat hatte die Zuschüsse für das volksbühneneigene Theater an der Schaperstraße eingestellt, eine vorübergehende Verpachtung führte zu keinem Erfolg. Der Verkauf dieses Hauses, zugleich auch die Entschädigung der Immobilie am Rosa-Luxemburg-Platz “war das Beste, was uns passieren konnte”. warf Dietger Pforte jetzt in diesem Rückblick ein. Nicht nur diese harten Brocken, sondern auch die Umgestaltung der Geschäftsstelle in einen modernen Servicebetrieb fiel in seine Amtszeit. Dies würdigt in besonderer Weise der Text der Urkunde der Ehrenmitgliedschaft, den Bürgermeister Reinhard Naumann verlas.

Dass das alles nur mit Unterstützung der jeweiligen Geschäftsführungen möglich war, brachte er mit einer symbolischen Umarmung der amtierenden Alice Ströver allen die dazu applaudierten sichtbar zum Ausdruck.

Einer der ersten Gratulanten war Dr. Günter Schulz, einst Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Volksbühnenvereine, dann ikonenhaft langjähriger Geschäftsführer des Berliner Vereins, seit 23 Jahren ebenfalls dessen Ehrenmitglied, der sich, solange es ihm gesundheitlich möglich war, weiter für die Arbeit der Volksbühnen auch im ganzen Bundesgebiet mit juristischen Ratschlägen einsetzte.

 

Die freie Volksbühne Berlin wird auch weiterhin mit den wöchentlichen Veranstaltungen der Montagskultur im Kulturleben der Stadt ihre Stimme haben.

 

Dr. Dieter Hadamczik